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Sicherheitsbewertung kosmetischer Mittel: Ablauf, Kosten und Tools

INCIkit Redaktion13 Min. Lesezeit
Sicherheitsbewertung kosmetischer Mittel — Laborantin prüft Kosmetikprodukte mit Klemmbrett für CPSR nach EU-Verordnung 1223/2009

Kein Kosmetikprodukt darf in der EU ohne Sicherheitsbewertung verkauft werden. Der Cosmetic Product Safety Report (CPSR) nach Art. 10 der EU-Kosmetikverordnung ist Pflicht — unabhängig davon, ob du eine Gesichtscreme, ein Shampoo oder einen Lippenbalsam herstellst. Trotzdem ist der Prozess für viele kleine und mittlere Kosmetikhersteller im DACH-Raum eine Blackbox: Was genau wird bewertet? Wer darf das? Was kostet es? Und welche Unterlagen müssen vorher zusammengestellt werden?

Dieser Leitfaden erklärt den CPSR-Prozess Schritt für Schritt. Du erfährst, wie eine Sicherheitsbewertung aufgebaut ist (Teil A und Teil B), welche Qualifikationen der Bewerter mitbringen muss, mit welchen Kosten du rechnen solltest und welche Fehler bei der Vorbereitung am häufigsten zu Verzögerungen oder Beanstandungen führen. Am Ende findest du eine Checkliste, mit der du alle Unterlagen strukturiert zusammenstellen kannst.

Was ist eine Sicherheitsbewertung (CPSR)?

Die Sicherheitsbewertung — offiziell Cosmetic Product Safety Report (CPSR) — ist ein vorgeschriebenes Dokument nach Art. 10 in Verbindung mit Anhang I der EU-Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009. Sie dokumentiert die toxikologische Sicherheit eines Kosmetikprodukts unter normalen und vernünftigerweise vorhersehbaren Verwendungsbedingungen.

Die CPSR ist ein Pflichtbestandteil der Product Information File (PIF). Ohne vollständige CPSR ist die PIF unvollständig — und das Produkt darf nicht in Verkehr gebracht werden. Wie die PIF insgesamt aufgebaut ist, beschreibt unser PIF-Praxisleitfaden.

Warum die CPSR so kritisch ist

Die CPSR ist das am häufigsten von Marktüberwachungsbehörden geprüfte Dokument. Fehlt sie oder ist sie unvollständig, drohen Rückruf, Bußgeld und eine RAPEX-Meldung (EU-Schnellwarnsystem für gefährliche Verbraucherprodukte). In Deutschland ist das BVL zuständig, in Österreich die AGES, in der Schweiz das BAG.

Wer darf die Sicherheitsbewertung durchführen?

Art. 10 Abs. 2 der EU-Kosmetikverordnung legt die Qualifikationsanforderungen für den Sicherheitsbewerter fest. Nicht jeder Chemiker oder Apotheker darf eine CPSR erstellen — die Anforderungen sind klar definiert:

  • Hochschulabschluss in Pharmazie, Toxikologie, Medizin oder einer vergleichbaren, vom Mitgliedstaat anerkannten Disziplin
  • Praktische Erfahrung in experimenteller oder klinischer Toxikologie und/oder Dermatologie
  • Fachkenntnisse in Kosmetikchemie, Kosmetikrecht und regulatorischer Risikobewertung

In der Praxis sind es Toxikologen, spezialisierte Pharmazeuten oder Dermatologen mit Kosmetik-Erfahrung. Im DACH-Raum bieten sowohl freiberufliche Sicherheitsbewerter als auch spezialisierte Dienstleister (z. B. Biorius, Diapharm, KOSI, Certified Cosmetics) CPSR-Erstellung als Service an.

Tipp: Prüfe vor der Beauftragung den akademischen Abschluss und die Berufserfahrung des Bewerters. Frage nach Referenzen für ähnliche Produktkategorien. Ein Bewerter mit Erfahrung in dekorativer Kosmetik ist nicht automatisch der richtige für ein Leave-on-Hautpflegeprodukt.

CPSR-Ablauf: Teil A und Teil B

Die CPSR besteht aus zwei klar getrennten Teilen. Teil A wird vom Hersteller vorbereitet, Teil B erstellt der Sicherheitsbewerter auf Basis dieser Daten. Beide Teile zusammen bilden die vollständige Sicherheitsbewertung.

BestandteilVerantwortlichInhalt
Teil AHersteller / RPRezeptur, Rohstoff-Spezifikationen, Stabilitätsdaten, Challenge Test, Verpackung, Expositionsdaten
Teil BSicherheitsbewerterToxikologische Bewertung, Margin of Safety (MoS), Risikobewertung, Schlussfolgerung, Unterschrift

Teil A — Sicherheitsinformationen (Hersteller liefert)

  • Vollständige Rezeptur: Alle Inhaltsstoffe mit INCI-Namen und Konzentrationen in Gewichtsprozent. Die korrekte INCI-Aufschlüsselung beschreibt unser INCI-Leitfaden.
  • Toxikologische Profile: Für jeden Einzelstoff Daten zu systemischer Toxizität, Hautsensibilisierung, Reizung und ggf. Phototoxizität (Quellen: CosIng, SCCS-Opinions, Rohstoff-Lieferant)
  • Stabilitätsdaten: Accelerated Stability Test (40 °C / 75 % rF, mind. 3 Monate) und ggf. Real-Time-Daten
  • Mikrobiologische Qualität: Challenge Test nach ISO 11930 (Konservierungsbelastungstest)
  • Verunreinigungen: Schwermetallanalyse (Pb, As, Cd, Hg, Ni) und ggf. weitere Spurenanalysen
  • Verpackung: Materialspezifikation, Kompatibilitätsprüfung, ggf. Migrationstests
  • Expositionsdaten: Produktkategorie (Leave-on vs. Rinse-off), Anwendungshäufigkeit, Kontaktfläche, voraussichtliche Anwendungsmenge

Teil B — Sicherheitsbewertung (Bewerter erstellt)

  • Toxikologische Bewertung: Systemische und lokale Bewertung jedes Inhaltsstoffs auf Basis der gelieferten Daten
  • Margin of Safety (MoS): Berechnung der Sicherheitsmarge für jeden relevanten Stoff (MoS ≥ 100 gilt als sicher)
  • Risikobewertung: Gesamtbetrachtung unter Berücksichtigung von Wechselwirkungen und kumulative Exposition
  • Schlussfolgerung: Klare Aussage zur Sicherheit des Produkts unter normaler und vernünftigerweise vorhersehbarer Verwendung
  • Unterschrift: Name, Adresse und Qualifikation des Bewerters, Datum der Bewertung

Kosten und Zeitrahmen im DACH-Raum

Die Kosten einer CPSR hängen vor allem von der Anzahl der Inhaltsstoffe und der Produktkomplexität ab. Die folgende Tabelle gibt eine Orientierung für den DACH-Raum (Stand 2026):

ProduktkomplexitätInhaltsstoffePreisspanne
Einfachbis 9 Stoffe400–500 €
Standard10–15 Stoffe500–650 €
Komplex16+ Stoffeab 650 €
Variantenur Duft/Farbe anders200–250 €

Bearbeitungszeit: Nach vollständiger Lieferung aller Unterlagen rechne mit 10–15 Werktagen beim Sicherheitsbewerter. Der größte Zeitfaktor ist in der Praxis die Datenbeschaffung: Fehlende Rohstoff-Zertifikate oder ausstehende Labortests verzögern den Prozess oft um Wochen.

Zusatzkosten: Labortests werden separat berechnet. Challenge Tests kosten ca. 200–400 €, Schwermetallanalysen 70–100 € pro Prüfung, Stabilitätstests 150–300 € je nach Umfang.

Praxisbeispiel: Gesichtscreme mit 18 INCI-Stoffen

Ein kleiner Naturkosmetikhersteller in Süddeutschland möchte eine Gesichtscreme mit 18 Einzelstoffen (darunter 3 ätherische Öle, 1 UV-Filter und Konservierungsmittel) auf den Markt bringen.

Kostenaufstellung:

  • CPSR (komplex, 16+ Stoffe): ca. 700 €
  • Challenge Test (ISO 11930): ca. 300 €
  • Stabilitätstest (3 Monate accelerated): ca. 250 €
  • Schwermetallanalyse: ca. 80 €
  • Gesamtkosten: ca. 1.330 €

Zeitrahmen: 4 Wochen Datenbeschaffung + 2 Wochen CPSR-Erstellung = ca. 6 Wochen von Beauftragung bis fertiger Bewertung.

Häufige Fehler bei der CPSR-Vorbereitung

Die folgenden Fehler führen regelmäßig zu Verzögerungen, Rückfragen vom Sicherheitsbewerter oder — im schlimmsten Fall — zu einer unvollständigen Bewertung, die bei der Marktüberwachung beanstandet wird:

1. Unvollständige Rohstoff-Aufschlüsselung

Die Rezeptur wird auf Rohstoff-Ebene geliefert, nicht auf INCI-Einzelstoff-Ebene. Der Bewerter braucht aber die vollständige Aufschlüsselung jedes Rohstoffs in seine Einzelkomponenten mit exakten Konzentrationen.

2. Fehlende Stabilitätsdaten

Kein Accelerated Stability Test vorhanden oder nur Real-Time-Daten für wenige Wochen. Der Bewerter kann ohne Stabilitätsnachweis keine gültige Haltbarkeitsaussage treffen.

3. Falsche Expositionsberechnung

Anwendungsmenge, -häufigkeit oder Kontaktfläche werden unrealistisch geschätzt. Eine Leave-on-Creme hat eine völlig andere Exposition als ein Rinse-off-Shampoo — das muss korrekt modelliert sein.

4. Verunreinigungen nicht identifiziert

Schwermetalle, Lösungsmittelrückstände oder Spurenkomponenten in Rohstoffen werden nicht analysiert. Gerade bei Naturextrakten ist eine Schwermetallanalyse unverzichtbar.

5. IFRA-Zertifikate nicht beigefügt

Duftrohstoffe werden ohne IFRA-Konformitätsbescheinigung geliefert. Ohne IFRA-Zertifikat kann der Bewerter die Duftstoff-Allergene nicht vollständig bewerten.

6. CPSR nach Rezepturänderung nicht aktualisiert

Die Formulierung wurde geändert (anderer Lieferant, angepasste Konzentration), aber die CPSR basiert noch auf der alten Version. Das ist ein häufiger Auditbefund.

Praxisbeispiel: Lippenbalsam mit veraltetem CPSR

Ein Lohnhersteller produziert seit 2023 einen Lippenbalsam. 2024 wurde der Sheabutter-Lieferant gewechselt — der neue Rohstoff hat eine leicht andere Zusammensetzung (höherer Anteil unverseifbarer Bestandteile). Die CPSR basiert noch auf der Original-Rezeptur.

Bei einer stichprobenartigen Prüfung durch die Landesbehörde fällt auf, dass die Rohstoff-Spezifikation in der PIF nicht mit der CPSR übereinstimmt. Ergebnis: Beanstandung, Nachbesserungsfrist von 30 Tagen, während der das Produkt nicht ausgeliefert werden darf.

Lektion: Jede Rezepturänderung — auch ein Lieferantenwechsel bei gleichem Rohstoff-Typ — erfordert eine Prüfung, ob die CPSR noch gültig ist.

Checkliste: CPSR-Unterlagen vorbereiten

Verwende diese Checkliste, um alle Unterlagen für deinen Sicherheitsbewerter zusammenzustellen. Je vollständiger die Daten bei Beauftragung, desto schneller und günstiger wird der Prozess.

CPSR-Unterlagen-Checkliste (Stand 2026)

  • Vollständige Rezeptur mit allen INCI-Namen und Konzentrationen (Gewichtsprozent)
  • Rohstoff-Spezifikationsdatenblätter für jeden eingesetzten Rohstoff
  • Toxikologische Profile aller Einzelstoffe (aus CosIng, SCCS-Opinions, Lieferantendaten)
  • Stabilitätsdaten: Accelerated Stability Test (40 °C/75 % rF, 3 Monate) und ggf. Real-Time-Daten
  • Challenge Test (Konservierungsbelastungstest) gemäß ISO 11930
  • IFRA-Zertifikat für jeden Duftrohstoff mit Allergen-Aufschlüsselung
  • Verpackungsspezifikation: Material, Migrationsprüfung, Kompatibilität
  • Expositionsdaten: Produktkategorie, Anwendungshäufigkeit, Kontaktfläche, Verbleib auf der Haut
  • Schwermetallanalyse des Fertigprodukts (Pb, As, Cd, Hg, Ni)
  • Vorhandene Labortestergebnisse (Patch-Test, In-vitro-Irritation, pH-Wert)

Die Grundlage für eine reibungslose CPSR ist eine sauber dokumentierte Rezeptur mit vollständiger INCI-Aufschlüsselung und allen Rohstoff-Spezifikationen. Wer diese Daten zentral verwaltet, spart bei jeder Sicherheitsbewertung und jedem Audit erheblich Zeit. Wie du eine GMP-konforme Dokumentation aufbaust, erklärt unser GMP-Leitfaden nach ISO 22716.

Rezepturdaten für die CPSR strukturiert aufbereiten

INCIkit verwaltet Rezepturen, INCI-Listen und Rohstoff-Spezifikationen zentral — so hast du alle Daten für den Sicherheitsbewerter griffbereit.

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